Wie viel Müll wiegt der Wald?

Wer einen Baum pflanzt, wird den Himmel gewinnen. Konfuzius

Wie schön ist ein Waldspaziergang. Raus aus der Stadt, rein ins Grüne. Abschalten, ausspannen. Über weiches Moos laufen und dabei die Seele baumeln lassen. Den Duft des Waldes tief in sich aufnehmen und dabei alle Sorgen vergessen. Dem Rauschen des Windes durch Baumkronen und dem Gesang der Vögel im spielendem Sonnenlicht zwischen Zweig und Geäst lauschen und dabei das Wesentliche vom Unwesentlichen erkennen. Das oder so ähnlich mögen vermutlich die Gedanken und die Vorstellungen sein, die Stadtmenschen, Waldfreunde und Frischluftbegeisterte dazu veranlassen, zurück zur Natur zu kehren. Zumindest für ein paar Stunden.

Unberührte Natur erleben und die Ursprünglichkeit des Seins spüren?

Fehlanzeige.

Denn unsere Wälder sind verschmutzt, verdreckt, verseucht und vermüllt. Kaum ein Waldgänger oder Wanderer, der nicht auf Abfall und kleine oder größere Müllhaufen stößt. Ein totgeschwiegener Skandal. Es ist eine Schande. Für viele, jene Umweltsünder, scheint es ein leichtes und bequemes Unterfangen zu sein, mal eben von der Landstraße in einen Forstweg einzubiegen, um sich seinem Mist und seiner Ich-weiß-nicht-wohin-damit-Habe in einem unbeobachteten Waldstück zu entledigen. Wenn selbst an der tiefsten Stelle des Meeres die Überreste menschlicher Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit gegenüber der Natur zu finden sind, dann wohl erst recht im Waldstück nebenan.

In den meisten Fällen werden die Verantwortlichen, jene schuldigen Ignoranten und Umweltverschmutzer selten zur Rechenschaft gezogen, denn erstens liegen manche Deponien schon Jahrzehnte in unseren Wäldern, zweitens ist ein über hunderte Hektar großer Wald selten bis nie videoüberwacht oder überhaupt überwacht und drittens wird Umweltkriminalität im „kleinen Stile“ aufgrund von fehlenden Investigationen selten aufgedeckt. Welchen Schaden jedoch jenes dumme und rücksichtslose Verhalten hat, sehen wir an unserem Klima und unseren nicht mehr gut funktionierenden Ökosystemen, wobei auch hier noch viel mehr Missverhalten eine Rolle spielt. Und das Ausmaß dieser noch nicht erkennbaren und abschätzbaren Katastrophe, ist ähnlich einem Eisberg. Oftmals und zuerst sehen wir lediglich die Spitze.

Wie auch in unserem Fall.

Wir lebten nun schon einige Wochen am Areal und begannen mit den erstenGestaltungen für Beete und Obstreihen. Zu jener Zeit, wir waren gerade zu dritt, erkundeten wir oft den umliegenden Wald. Neben uns, hinter uns und vor uns, mit einer kleiner Straße dazwischen, riesige Waldflächen. Unsere ersten Beete entstanden um den prächtigen Mammutbaum inmitten des Areals. Wir schufen anfangs eine Ringstruktur für unseren Anbau, wobei am Fuße es Mammutbaum ein Kräuterkreis entstand und mit den Jahren wirklich schön auswuchs.

Wir mussten natürlich Grasflächen abheben und umgraben. Und dabei fanden wir des öfteren Unrat wie Porzellanstücke, sehr alte Munitionsreste, Hufeisen, Teile von mechanischen Fallen und Ziegelbruch. Ich empfand es damals als zwar störend und merkwürdig, dachte mir aber nichts Grundsätzliches dabei. Ich kam mir ein bisschen vor wie ein Archäologe, der neben schönen Quarzsandsteinen beim Spatenstechen und Schaufeln eben auch mal Überreste vergangener Zeiten fand und manchmal sogar danach ersann, Gold zu finden.

Wir entdeckten auch schwarze Stellen auf der Wiese, die sich später als vergrabene Holzkohlenüberbleibsel herausstellten und beim Spazieren im Wald fielen uns erstaunlich viele Glasscherben auf. Irgendwann kam ich mir auch nicht mehr vor wie ein Altertumsforscher, sondern wie ein Umweltkriminalist. Und irgendwann bekommt man für Deponien einen Blick. So wie Tom. Immer da, wo entweder ein kleiner Teil, wie bei einem Eisberg, sichtbar und leicht vom Waldboden bedeckt ist, so als würde sich dieser schämen und den Unrat nach und nach mit seinem Humus, Moos und Blattwerk zudecken zu wollen schien oder dort, wo ein kleiner Hügel ist, auf dem sich schon vollends eine Schicht aus Erde, Gras und Moos gebildet hat. Einem eher sparsamen Bewuchs, der nicht homogen mit der ihm umgebenen Erde zu sein scheint. Anfangs entsorgten wir den Unrat selbst, doch es nahm und nahm kein Ende. Wir bastelten uns also Fähnchen, banden sie an Hölzer und markierten, was wir fanden. Und zwar im unmittelbar angrenzenden Wald außerhalb und leider auch innerhalb des Areals. Wir sprechen von einer ungefähren Fläche von 3 ha.

Insgesamt entdeckten wir 37 Deponien im jeweiligen Ausmaß von 1 – 40 m² bis in 6,5 Meter Tiefe und einem ungefähren Gewicht von jeweils 5 kg bis 15 Tonnen.

Zusammengerechnet ergab das ca. 25 LKW Ladungen mit 360 Tonnen Müll.

Wir können deshalb davon berichten, weil wir das zuständige Forstamt informierten und dafür Sorge trugen, dass die Deponien ausgehoben und der Müll abtransportiert wurde.

Massen- und Mengenmäßig bestand der Hauptteil des Unrats aus Schutt, Ziegelbruch und Bauresten. Doch tatsächlich setzte sich der Unrat wie folgt zusammen:

Ziegel, Folien, Planen, LKW Batterien,Treibstoffkanister, Eternitplatten (Asbestfaserplatten), Bitumen (Asphalt) Motorräder, Fahrräder, Wannen und Behälter, Sägen, Messer, Gartengeräte, Werkzeugreste, Kunststoffzäune, Kabel, Reifen, Drähte, zerbrochenes Glas von Flaschen und Geschirr, Keramik, Schüsseln, Plastikverschlüsse, Metallfarbdosen, Blechdosen, Medikamentenüberreste, massenweise Tabletten und psychopharmakologische Produkte, Aluminium und Blechteile, Eisenstangen, Lederwaren, Schuhe, Stiefel, Kleider, militärische Ausrüstungsreliquien, kaputte Alltagsgegenstände, Kinderwagen aus den 50ern, Ölteppiche und Seifenmulden. Alles, was irgendwie der menschlichen Zivilisation zuzuordnen war

Und sogar eine Glasflasche des braunen Lieblings_CO2 Gesöffs der Zuckergeneration fanden wir, natürlich.

Es brauchte zwei Einsätze von jeweils 2 Wochen mit einer ungefähren Anzahl von 15 Arbeitern, darunter Holzfäller und Forstarbeiter und Fahrer: Bagger, Traktoren, LKW, Muldenkipper, Harvester, Holzbergemaschinen.

Wie die Waldwege ausschauten, nachdem tonnenschweres Gerät hindurchfuhr, kann man sich vorstellen. Meterhohe Reifenspuren und -rillen schoben sich in die nun nicht mehr unberührte Waldlandschaft und verbreiterten die einst romantischen Waldwege in eine baustellenartige Matschbahn. Und auch Bäume mussten gefällt werden (wie mir das Nahe ging), damit die riesigen Fahrzeuge ausreichend Platz zum Passieren hatten. Baumzweige mussten abgesägt und Äste entfernt werden, damit auch diese keine Kratzer und Schäden an Fahrzeugen hinterließen.

Da es ein offizieller Einsatz des zuständigen Forstbetriebes war, musste jener Unrat auch offiziell beseitigt/recycelt werden und ist vermutlich nicht in einem anderen Waldstück wieder vergraben worden. Giftstoffe mussten getrennt von einander entsorgt werden.

Auf dem Areal selbst wurde unfassbar viel abgetragen, ausgehoben und entsorgt, weshalb ein völlig neues Erscheinungsbild des Areals entstand. Wo einst Blühwiesen waren, fanden wir nun kahle, braune Erdflächen vor. Und das über viele Wochen lang. Dort, wo vorher massive Baumkronen mit ihren Zweigen und Ästen fast den Erdboden berührten und Fichten und Eschen einen natürlichen Sicht-und Witterungsschutz boten, war nun an vielen Stellen Leere. Und zudem, da ja mengenmäßig etwas fehlte, entstand so etwas wie ein Erdungleichgewicht. Wir brauchten also wieder neue Erde und Humus. Es wurden somit für unser Areal 15 LKW Ladungen Erde von einem anliegenden Bioagrarland gebracht. Jedoch reichte diese nicht aus, weshalb im Zuge der Arbeiten unser Teich ausgehoben wurde. Auch eine Böschung entlang der Grundstücksgrenze entstand.

Es sei anzumerken, dass das Areal des Eden-Projekts innerhalb eines Forstgebietes liegt, weshalb nur Mutterboden nicht artfremden Erdreiches eingebracht werden durfte. Erde ist nicht gleich Erde.

Fast das gesamte Areal musste neu gerecht (Rechen) und natürlich auch gesämt bzw. gesät werden, was Tom allein leistete. Es bedurfte einiger 100 kg Säcke Gras -und Blühwiesensamen und vieler Wochen bis alles wieder grünte.

Gesamtkosten der Dekontamination beliefen sich auf 120.000,00 Euro.

Jene Kosten, der Aufwand und die Arbeit stehen in keinem Verhältnis zu dem, was es bei richtiger und vernünftiger Entsorgung gekostet hätte. Die Schäden an Wald und Tier lassen sich nicht beziffern.

Nach den Jahren geht es den Waldwegen wieder gut. Sie sind schön zugewachsen und unser Areal ist zu 75% müllfrei. Warum nicht 100%? Weil ein Teil der Deponien aufgrund der Gefahr des Absinken unseres Hauses durch einen Erdrutsch belassen werden musste und nicht das ganze Grundstück umgegraben wurde, so dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass da noch einige „Leichen“ liegen.

Ich schließe heute mit den Worte John Muirs und einer Überzeugung, die mich eben dieses Leben so leben lässt.

And into forest I go, to loose my mind and find my soul.

 

Ein Beitrag des Eden-Blogs

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